Redebeitrag der Antifa Task Force Jena

7 Nov

»Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen.«

Im Vorfeld dieser Demo wurde uns von verschiedenen Seiten vorgeworfen, wir würden eine Demonstration unterstützen, deren Aufruf staatstragend sei und Konstrukte wie den des „deutschen Volkes“ weitestgehend unkritisch stehen lassen. Vor allem, das Zitat von Hans-Dietrich Genscher scheint Anstoß zu finden. Wir begrüßen jede Form von begründeter Kritik. In diesem Kontext ist der folgende Redebeitrag zu verstehen.

Wir fordern keine Reformen am deutschen Nationalstaat bzw. am deutschen Volk. Unsere Kritik ist nach wie vor radikal, das heißt: sie setzt an den Wurzeln an. Die Struktur des Aufrufs spiegelt diesen Ansatz in angemessenem Maß wieder.

Hans-Dieter Genscher hat 1970 stellvertretend für das deutsche Volk versprochen, dass rassistische und antisemitische Gewalttaten – damals ging es um den Brandanschlag auf ein Altenheim der israelischen Kulturgemeinde in München – durch eben dieses deutsche Volk „niemals mehr zugelassen“ würden. Eine Bestandsaufnahme mehr als 40 Jahre später zeigt: Das deutsche Volk hat auf ganzer Linie versagt. Schlimmer noch, Teile des deutschen Volkes haben nicht nur immer wieder weg gesehen, sondern sich auch selbst an rassistischen Pogromen beteiligt.

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Redebeitrag der Antifa Negative aus Athen

7 Nov
Braune Zukunft
Von 2000 bis 2007, hat der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund), eine Organisation von neonazistischen Mördern, 9 Migranten (8 türkisch-/ einen griechisch-stämmigen) und eine Polizistin, kaltblütig ermordet. Darüber hinaus begingen sie 14 Bankraube und mehrere Bomben-Attentate in mehrheitlich von Migranten bewohnten Gegenden. All das geschah, ohne dass sie von der Polizei verhaftet wurden. Im Gegenteil: die Neonazis agierten unter dem Deckmantel der Deutschen Geheimdienste (BfV), welche, obwohl sie sie seit den frühen 90ern beobachteten, die „National-befreienden Heldentaten“ nicht stoppten.
Dies alles würde nur dann als paradox für jemanden erscheinen, der die deutsche Geschichte ignoriert. Die Geschichte der Mitglieder des nationalsozialistischen Regimes und der Geschichte der Immunität welche dieselben im Nachkriegsdeutschland genossen (Hanns-Martin Schleyer war eines der bekanntesten Beispiele) beweist, dass der deutsche Staat keinerlei Vorurteile gegen seine Nazis teilt. So rekrutierte man im Nachkriegsdeutschland die neue BKA-Führungsriege aus Mitgliedern der ehemaligen SS, in seinem Kampf „Gegen jede Form von politischen Extremismus“, die vorherigen Erfahrungen der Gestapo-Mitglieder stellten sich sicherlich auch als unbezahlbar heraus.
In der Aufarbeitung der NSU-Morde, spielten die deutschen Medien und die deutsche Intelligenz, die das Thema der Debatte von „Nazis und ihrem mörderischem Rassismus“ in „Mängel des Geheimdienstes“ drehten, eine entscheidende Rolle.
Die Frage, warum sich jeder mit der Verbesserung Deutschlands seit Auschwitz beschäftigen sollte, ist einfach beantwortet: wenn jeder über die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Deutschen nachdenkt, die eigenen Verbrechen produktiv und positiv zu instrumentalisieren wissen. Dennoch will die absolute Mehrheit der deutschen Linken aller Couleur, sogar die militantesten unter ihnen, das Land verbessern. Dies kann nur durch ihr leidenschaftliches und unerschütterliches Band zu ihrem Land und ihrem Volk erklärt werden.Von der Rechtfertigung der Bombadierung Jugoslaviens um „ein neues Auschwitz zu verhindern“ bis zu den Entschuldigungen nach den Pogromen der 90er durch die eine Armee von „antirassitischen“ Akademikern und NGO’s Arbeit fanden.
Lasst uns zum „Zwickauer-Trio“ zurückkommen. Wir glauben, dass einer Antifa-Gruppe keine bessere Möglichkeit zum Handeln – noch dazu vom deutschen Staat selbst – gegeben werden kann! Es war niemals und ist auch jetzt nicht die Zeit für „Kritik am Kapitalismus“ oder „Kritik am Islam“, wenn dein eigener Staat dir sagt dass er Nazi-Gruppen unterstützt, während die deutsche Gesellschaft wie üblich „nichts weiß und nichts hört“.
In Griechenland auf der anderen Seite, sind wir immer noch auf der Stufe von Rostock-Lichtenhagen, aber die griechische Begierde, wie die Deutschen zu werden, wird auch uns eine zunehmend braune Zukunft bescheren.
An dieser Stelle wollen wir uns auf  einige Eindrücke der rapiden Faschisierung der Griechen und ihres Staates beschränken: Nach der „Union of Immigrant Workers“, sind die rassistisch motivierten Angriffe in den letzten sechs Monaten auf 500 gestiegen. Dies sind nur die Attacken von Nazis und gewöhnlichen Griechen. Zur gleichen Zeit führte der griechische Staat eine polizeiliche Operation mit dem orwellschen Namen Xenios (d.h. Gastfreundlicher) Zeus, durch. Im Zusammenhang mit dieser Operation wurden innerhalb von nur zwei Monaten 34.000 Migranten und Flüchtlinge verhaftet. Bei 3.000 von diesen Gefangenen hat  das Abschiebe-Verfahren bereits begonnen. Mit den Migranten wurden außerdem hunderte von Drogenabhängigen, Sex-Arbeiterinnen und Menschen die Opfer von Menschenhandel geworden sind, viele davon Transsexuelle, verhaftet. Der Wille des Volkes und nationale Souveränität vom Feinsten. Die Hälfte der SYRIZA-Wähler (der radikale Teil der griechischen Gesellschaft)erklärten ihre Unzufriedenheit gegenüber dieser Maßnahmen, da sie diese als nicht hart genug bewerteten.
Auch wurden in ganz Griechenland Haftanstalten für Migranten ohne Papiere eingerichtet. Die Linke bezeichnete sie als ein Symptom von  fehlender  Migrationspolitik des griechischen Staats und unterstützte somit die rassistischen Proteste des Mobs (auch bekannt als „das Volkes“). Dies war allerdings nicht genug für die Bewohner von Korinth, Xanthi, Komotini und Drama.Sie nahmen das Recht selbst in die Hand, selbst-organisiert (natürlich gegen die Migranten), forderten sie die Entfernung der „dreckigen Migranten“ aus ihren Städten und bekämpften die Bereitschaftspolizei. In diesem Kampf bildeten sie eine selbstverständliche Allianz mit der Avantgarde der griechischen Arbeiterklasse, der Goldenen Morgenröte.
Um das Bild zu vervollständigen, müssen wir die Existenz von „national-befreiten Zonen“ erwähnen: in Athen sind die besten Beispiele Agios Panteleimonas, der Attiki Platz und die Region um die OSE-Station (Bahnhof der griechischen Staatsbahn). Es ist dort für jeden nicht-Weißen gefährlich, sich nachts in diesen Gegenden aufzuhalten und Nazi-Terror ist tägliche Realität. In den durch einen hohen Anteil von Migranten gekennzeichneten Gebieten (d.h. in Omonia, Viktoria, dem Ameriki Platz), in denen Nazis nicht die Oberhand haben, macht die Polizei den Job für sie. Sie terrorisieren und penetrieren Migranten. Natürlich ist die diese Verbindung höchst naheliegend, wenn wir bedenken, dass die Hälfte der griechischen Bullen selbst Goldene Morgenröte gewählt hat. Nachdem ein Journalist eine Frage bezüglich dieser Tatsache stellte, antwortete der Der Kopf der Polizei: „Wir kümmern uns nicht um die politischen Ansichten unserer Polizeibeamten, solange sie ihren Job gut machen.“ Ihr „Job“, d.h. grundlos Migranten zu verprügeln, ist keinesfalls „ohne Bezug“ zu ihren politischen Ansichten zu denken.
[Dies zeigt] Ihr bevorzugendes Vorgehen gegenüber Nazis und Faschisten. Ins Besondere die Goldene Morgenröte, genoss Immunität lange bevor sie bei Wahlen 7% erreichte und so zu einem zentralen Thema in den Medien wurde. Um zwei Beispiele zu nennen: Der Anführer der Goldenen Morgenröte, Nikos Mihaloliakos, wurde 1978 nach den 13 Bomben-Attentaten in Athen und Piräus mit anderen Neo-Nazis verhaftet. Mihaloliakos wurde zu 13 Monaten Gefängnis verurteilt.
Periandros Androutsopoulos, der Stellvertreter der Goldenen Morgenröte, versteckte sich mit Hilfe der griechischen Polizei über 8 Jahre, nachdem er für das Verprügeln eines linken Studenten belangt werden sollte. Erst als er in die Missgunst Mihaloliakos‘ verfiel, ging der Polizeiapparat gegen ihn vor.
Mitglieder der goldenen Morgenröte haben ihre Verbindung zu militanten Aktionen nie aufgegeben. Im September versuchte ein Mitglied der Goldenen Morgenröte, eine Bombe zu platzieren, welche auf seinem eigenen, arischen Gesicht explodierte.
Und die Linke? Der linke Mainstream befürwortet einen nationalistischen anti-Germanismus, welcher den griechischen Staat von den „Wucherern“ sowie von der „internationalen Banken-Lobby“ (das erinnert uns doch an etwas…) und der „Merkel-Diktatur“ befreien will, um ihn dann in den Dienst des griechischen Volkes (dieselben Menschen die Taten begehen, wie wir sie vorher beschrieben haben) zu stellen. Während die radikale Linke von einem kommenden Aufstand eben dieser Leute träumt und zur gleichen Zeit Migranten als Drogen-Dealer oder Laden-Besitzer diffamiert (wie jene, die von dem NSU ermordet wurden).
Wir möchten mit den weisen Worten von Café Morgenland abschließen:
„Natürlich ist ganz Europa eine stinkende Kloake, aber Deutschland bleibt das wichtigste Versorgungsrohr.“
ein Beitrag der  Antifa Negative aus Athen, November 2012.

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Aufruf

7 Nov

Während der Demonstration verteilte die Gruppe „Club Communism“ Flyer, die sich kritisch mit dem Demo-Aufruf auseinandersetzte:

„Bei uns hat, wie vielleicht auch bei anderen, das Motto der Demonstration in Jena am 4.11: „Highlights, von denen keiner wissen wollte!“, zunächst Fragezeichen hervorgerufen: Vor einem Jahr wollte doch anscheinend jede_r wissen, was es mit dem „Nazi-Trio“ auf sich hat, und in den auf den 4.11.2011 folgenden Wochen und Monaten wurde jede noch so kleine Kleinigkeit, bis hin zu den Katzen der Beate Zschäpe, zu Schlagzeilen der (Boulevard-)Presse. Im Gegenteil dazu wäre von einer linksradikalen Auseinandersetzung mit der Gruppe „NSU“ zu erwarten, dass sie auf die gesellschaftlichen Entstehungs- und Wirkungsbedingungen hinweisen würde, die hinter diesen „Highlights“ stehen. Durch diese Fragezeichen motiviert schauten wir uns den Aufruf, den ATF und JURI veröffentlichten, genauer an – und stellten fest, dass das Motto tatsächlich ein Gelungenes ist, wenn es wörtlich genommen wird. In ihm ist die Analyse und auch die politische Strategie, die den Aufruf motiviert und durchzieht, konzentriert:“

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Demoroute

2 Nov

Die Demorouten sind jetzt bestätigt. Es wird zwei Demonstrationen geben. Zuerst werden wir durch die Stadt laufen und dann mit der Straßenbahn nach Lobeda raus zu einer zweiten Tour, mit Abschlusskundgebung vor dem Braunen Haus.

Stadtroute:

Wenn der 1. Teil der Demo in der Innenstadt am Paradiesbahnhof beendet ist, geht es mit der Straßenbahn zum Burgaupark. Dort findet der 2. Teil der Demo statt und führt uns zu den „NSU-Garagen“, sowie zum „Braunen Haus“. Dort findet die Abschlusskundgebung statt.

Linie 3
jeweils 02 | 22 | 42 – Fahrtzeit bis Burgaupark: 13 Minuten
Linie 4
jeweils 12 | 32 | 52 – Fahrtzeit bis Burgaupark: 7 Minuten
Linie 5
jeweils 13 | 33 | 53 – Fahrtzeit bis Burgaupark: 7 Minuten

Lobeda-Route:

Startpunkt der Demonstration

1 Nov

Ein Hin und Her bei der Anmeldung. Startpunkt ist jetzt jedenfalls wieder der Busbahnhof in Jena.

Highlights, von denen keiner wissen wollte!

4 Okt

Aufruf zur antifaschistischen Demonstration „Highlights, von denen keiner wissen wollte!“ am 04.11.2012 in Jena

„Das deutsche Volk wird niemals mehr zulassen, dass auf seinem Gebiet Gewalt und Terror regieren. Es wird niemals mehr zulassen, dass bestimmte Gruppen von Menschen außerhalb der Gemeinschaft gestellt werden. Sie alle sind Zeugen dieses Versprechens.“ sagte der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, als gewählter Vertreter des „Deutschen Volkes“, 1970 nach dem Brandanschlag auf das Altenheim der Israelischen Kulturgemeinde in München mit sieben Toten, bei der anschließenden Trauerfeier.

Wie die bundesdeutsche Geschichte jedoch zeigt, haben die Volksvertreter dieses „Versprechen“ nicht gehalten: 1980 Oktoberfestattentat und nachfolgende Taten aus dem Umfeld der Wehrsportgruppe Hoffmann, 1991  Hoyerswerda, 1992 Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Mannheim-Schönau, 1993 Solingen, 1994 Magdeburg, 2007 Mügeln, 1998-2011 NSU, um einige prägnante Beispiele zu nennen.

Es  war der 4. November 2011 als Neonazis es – zuerst als Bankräuber – wieder auf die Titelseiten der überregionalen Presse brachten. Am 7.11 wurde dann bekannt, dass eine rechte Mörderbande seit mehr als einem Jahrzehnt unbehelligt raubend und mordend durch die Republik ziehen konnte. Was darauf folgte, waren scheinbare Bestürzung und Betroffenheit politischer Repräsentanten sowie neue „Versprechen“, dass sich rechte Gewalt und Terror nie wiederholen würden. Versprochen wurde erneut „lückenlose Aufklärung“ und die Einzeltätertheorie wieder hervorgekramt, die etwa schon beim Oktoberfestattentat Fragen nach dem Verhältnis staatlicher Stellen zu neonazistischen Gruppen und Netzwerken verhindern sollte. Nicht zum ersten Mal zeigte sich eine zur Schau gestellte Überraschung und die einstudierten Betroffenheitsrituale der „Fachexperten“. Denn obwohl es bis heute mindestens 181 Todesopfer durch rechte Täter gibt, wird stets routiniert aus allen Wolken gefallen..

Nach den unvergleichlichen Verbrechen in Auschwitz, dem eingangs erwähnten Anschlag von München und den Pogromen der jüngeren deutschen Geschichte ist es von offizieller Seite wieder an der Zeit, einmal mehr „Nie wieder“ zu sagen. Doch wozu soll es nie wieder kommen? Soll lediglich das Tüpfelchen auf dem „I“ verurteilt und bekämpft werden, wie es durch die Morde des NSU gesetzt wurde? Oder soll es zu einem gesellschaftlichen Wandel kommen, damit solche und andere Neonazis nicht mehr nach der Devise handeln können: „Wir schreien das heraus, was andere denken“ und sich nicht auf die stillschweigende Unterstützung der deutschen Mehrheitsgesellschaft stützen können? Einer gefühlten Unterstützung, die sich aus dem verbreiteten Rassismus in der Mitte der Gesellschaft speiste, die in zahlreichen Studien, sowohl für die Bundesrepublik wie auch für Thüringen belegt sind.[1] Diese Fragen nach dem gesamtgesellschaftlichen Nährboden der Mordtaten des NSU sollten geklärt werden. Dies wird allerdings nie geschehen, wenn staatlicher Aktionismus gegen Nazistrukturen als ausreichend angesehen wird und damit ein Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit diesen gesellschaftlichen Strukturen gezogen werden soll.  Über die wahren Täter_innen von gestern und den Großteil der Täter_innen von heute soll dagegen geschwiegen werden. Doch dass weder Antisemitismus, Antiziganismus, noch  Rassismus oder völkischer Nationalismus Phänomene vom Mond sind, sondern  Teile der deutschen Gesellschaft, ist im Zusammenhang mit der Berichterstattung zum NSU leider gänzlich zu vermissen.

Der  latente Rassismus und Nationalismus der sogenannten Mitte entlud sich  bereits Anfang der 90er Jahre bei den bundesweiten rassistischen  Pogromen. Als Reaktion auf die Pogrome nahm die Politik dem  rassistischen Mob die Molotov-Cocktails aus der Hand und ersetzte sie  durch ein verschärftes Asylrecht, bzw. schaffte das Asylrecht faktisch  ab. Bernd Seite,  damals Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern (CDU), erklärte die  Gewalt wie folgt: „Die Vorfälle der vergangenen Tage machen deutlich,  dass eine Ergänzung des Asylrechts  dringend erforderlich ist, weil die  Bevölkerung durch den ungebremsten Zustrom von Asylanten überfordert  wird.“ Auf einmal waren es die Deutschen, die vor den „Asylanten“  geschützt werden mussten. In der Folge hatte der dt. Staat selbst Todesopfer zu verantworten. So sind in den letzten 8 Jahren mindestens 869 Personen Opfer von Polizeigewalt geworden und an den europäischen Außengrenzen sind allein im Jahr 2011 über 1500 Menschen ums Leben gekommen.

In den 90er Jahren wuchsen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in Jena auf. Hier wurden sie zu ideologisch gefestigten Nazis. Durch akzeptierende Jugendarbeit wurden sie, auch nach Übergriffen auf Andersdenkende, immer wieder versucht in die Mitte der Gesellschaft zu führen. Hier fanden sie ihre politische Heimat, zusammen mit den Menschen, die jetzt als ihre Unterstützer_innen Teil eines Verfahrens wegen Mord und Bildung einer terroristischen Vereinigung sind. Hier und in Zwickau – ihrer zweiten Heimat – bauten sie zusammen mit Nazis und V-Männern des Verfassungsschutzes und der Polizei ein Netzwerk auf, welches ihnen ein jahrelanges Untertauchen und Morden ermöglichte. All dies geschah hier, all dies spielte sich vor unseren Augen ab.

Jena ist auch die Stadt, die erstmal keine Mühen und vor allem Kosten scheute, um in kürzester Zeit nach Auffliegen des NSU den eigenen Namen rein zu waschen und das Image aufzupolieren. 60.000 Menschen kamen, um sich kostenlos Udo Lindenberg und Peter Maffay anzuhören, für eine „Bunte Republik Deutschland“ und gegen die braunen Flecken, die die Herkunft des NSU auf der weißen Weste der Anti-Nazi-Hochburg Jena hinterlassen hatte.  Eine feiernde Heimatstadt der bekannten NSU-Täter _innen gedenkt den Opfern mit einer riesigen Party….

Doch damit nicht genug: Als sich kurze Zeit später der Journalist und Autor Steven Uhly im ZDF äußerte und verlauten ließ, das er als Mensch mit Migrationshintergrund grundsätzlich Angst hat, in den Osten der Bundesrepublik zu fahren, da war etwas von Revolution in Jena zu spüren. Protestbriefe mit tausenden Unterschriften wurden zum ZDF gesandt, das Ganze gipfelte in einer Podiumsdiskussion mit dem verantwortlichen Redakteur. Jenas lokalpatriotische (und natürlich nicht-migrantische) Bürger_innen schickten sich an und bliesen, zumindest verbal, zur Jagd. Von den Taten des NSU, seinen Opfern und den immer noch in Jena lebenden Unterstützern des, vehement als „Zwickauer Terror-Trios“ bezeichneten, „National-Sozialistischen Untergrunds“ war keine Rede mehr.

Inzwischen gibt es erste Ansätze eines anderen Diskurs in der Stadt. Unter dem Titel „Sie kamen von hier“ werden die richtigen Fragen etwa nach den Erfahrungen akzeptierender Jugendarbeit, Lichterketten oder dem rassistischen Blick der Mehrheitsgesellschaft gestellt. Ob die richtigen Antworten und Konsequenzen auch breite Teile der (Jenaer) Bevölkerung erreichen, bleibt abzuwarten.

Diese Reaktion der städtischen Verwaltung und Teilen der Zivilgesellschaft hätte genauso in jeder anderen Stadt stattfinden können. Der Aufbau einer lokalpatriotischen Abwehrhaltung und eines daraus resultierenden Aktionismus, welcher am freundlichsten mit „gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht“ überschrieben werden kann, ist Ausdruck eines zutiefst verankerten gesellschaftlichen Problems.

Deshalb werden wir am 4.11 auf die Straße gehen und unsere Wut über das Verhalten der Gesellschaft an sich, unsere Trauer um die Opfer und unsere Kritik an den bestehenden Verhältnissen als Ganzes auf die Straße tragen. Wir wissen, dass unsere Forderung nach umfassender Aufklärung des NSU-Skandals und einer konsequenten Bekämpfung von Nazis und anderen Nationalist_innen bei den derzeitigen Zuständen kaum Erfolg haben wird. Den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft wird man nicht mit einer Demo kippen. Aber das wird uns nicht davon abhalten, lautstark darauf aufmerksam zu machen, dass nicht alle Menschen unter diesen Umständen ruhig bleiben. Wir wollen die derzeitige Ruhe stören.

Im Jahr 2012 stellen sich die Verhältnisse wie folgt dar:      

  • Ideologisch motivierte Gewalttaten von Nazis werden verharmlost, ihre politische Motivation geleugnet und oft zu Taten rivalisierender Jugendlicher degradiert.
  • Knapp die Hälfte der Thüringer bzw. ein Drittel der Deutschen hält die Bundesrepublik für „in gefährlichem Maße überfremdet“
  • Die deutsche Gesetzgebung bedient sich rassistischer und fremdenfeindlicher Grundsätze wie z.B. „Arbeit zuerst für Deutsche“,
  • An den EU Außengrenzen sterben auch mit deutscher Hilfe jährlich hunderte von Menschen in der Hoffnung auf ein besseres Leben!
  • Behörden agieren selbstständig und ohne den Zugriff einer parlamentarischen Kontrolle, Beweismaterial wird vorsätzlich vernichtet
  • Deutsche Sicherheitsbehörden unterstützen maßgeblich Führungskader neonazistischer Organisationen, dulden Waffen- und Sprengstoffbeschaffung militanter Nazis.
  • Politische Lippenbekenntnisse gegenüber den Angehörigen der NSU-Opfern, die selber jahrelang im Visier von Ermittlungsgruppen mit bezeichnenden Namen wie „Bosporus“ standen.
  • Die Arbeitsmethoden ermittelnder Behörden, sowie die rassistische Kontrollpraxis der Polizei, spiegeln auch nur den rassistischen und nationalistischen Konsens der Mehrheitsgesellschaft, denn Beamte rekrutieren sich aus jener Mitte der Gesellschaft.

Dem gilt es entgegenzutreten!

Deswegen fordern wir:

  • Rassistisch motivierte Taten auch als solche benennen!
  • Solidarität mit allen Opfern rassistischer, antisemitischer und antiziganistischer Gewalt, wie sie den Opfern der NSU und ihren Angehörigen noch nicht zu Teil geworden ist!
  • Schluss mit Imagepflege und Abwehrmechanismen, Akzeptanz der gesellschaftlichen Verantwortung! Für eine emanzipierte Gesellschaft, ohne rassistische und nationalistische Ausgrenzung!
  • Absolute Transparenz bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen!
  • Abschaffung aller intransparent agierenden Behörden und ihrer operativen Mittel wie V-Personen!

[1] Vgl. Heitmeyer-Studie, Friedrich-Ebert-Stiftung, Die Mitte in der Krise: 2010 24,7 % Ausländerfeindlichkeit in der BRD, Thüringen Monitor: 2011 ca. 43% Ausländerfeindlichkeit in Thüringen.

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